Nun bin ich also hier gelandet, in Berlin. Die Hauptstadt Deutschlands, die größte Stadt Deutschlands, für die meisten die
„coolste Hauptstadt der Welt“. Wie unschwer erkennbar ist, hat es mich aus dem Schwabenland hierhergezogen, aus Stuttgart um genau zu sein.
Exakt drei Monate bin ich nun hier, offenbar Teil der „größten Minderheit“ Berlins - nach den Türken natürlich – und ich denke,
es ist an der Zeit, ein Resumée zu ziehen. Der Kulturschock sitzt noch immer tief, wenngleich ich nicht behaupten kann, aus der letzten Provinz hergekommen zu sein. Ich entstamme einem kleinen
Stadtteil Stuttgarts, der unter dem Namen Gablenberg bekannt ist. Da fängt es schon an. Wenn ich von einem kleinen Stadtteil rede, meine ich etwa zwei Quadratkilometer. Gibt es so etwas hier
überhaupt? Gablenberg liegt im Stuttgarter Osten, genauso wie Marzahn, wo ich nun hingezogen bin. Hier wie da sagt man, es sei nicht die beste Wohngegend. Sei es drum!
Als Teil des inzwischen viel bedauerten Prekariats ist mein Zuhause erst richtig schön, wenn es auch bezahlbar ist. Berlin ist
mir nicht gänzlich unbekannt gewesen, meine Freundin stammt von hier, und ihr ist es auch geschuldet, dass die Spreemetropole nun um einen „Schwoabaseggl“ reicher ist als noch zu Beginn des
letzten Jahres.
Wenn ich von einem Kulturschock rede, dann meine ich witzigerweise nicht die Sprache, denn ich habe gelernt, mich halbwegs
verständlich auf Hochdeutsch auszudrücken, von dem der Berliner Dialekt ja nicht so weit entfernt ist. Ich nehme an, den meisten Berlinern würde es umgekehrt etwas anders gehen. Hauptsächlich
schockieren mich immer wieder all die gigantischen Häuser, die riesigen Straßen und der Wegfall einer zentralen Innenstadt. Es ist einfach alles nochmal eine Nummer größer hier. Um zu zeigen, wie
rückständig wir Schwaben unseren zweiten Platz auf der Reichtumsskala erreichen, müsste ich erwähnen, dass in Stuttgart in der Innenstadt keine sonderlich hohen Gebäude gebaut werden dürfen, weil
das die Luftzirkulation angeblich empfindlich stören würde. Ich müsste zugeben, dass die breiteste Straße im Stadtgebiet, der ich mich entsinnen kann, gerade mal 4-spurig in jede Richtung ist.
Das ist nicht nur ein Einzelfall in der ganzen Stadt, sondern zudem einer unter Miteinbeziehung der Abbiegerspuren. Die Innenstadt ist bei uns eine Gruppe von drei parallel laufenden
Fußgängerzonen und darüber hinaus eigentlich nichts. Große Einkaufscenter wie das Alexa und das Eastgate gibt es in Stuttgart nicht. Unser Fernsehturm – etwas kleiner als der Berliner, aber
immerhin der erste – steht weitab der Innenstadt und eignet sich nicht so gut als Orientierungshilfe. Und natürlich die Berge. An Silvester schmerzlich vermisst habe ich die Möglichkeit, mit
hunderten anderen die Uhlandshöhe, den Killesberg oder den Frauenkopf zu besteigen, um auf das Feuerwerk im Talkessel hinab zu sehen. Hier hätte ich wohl vom Fernsehturm oder den Towern am
Springpfuhl die beste Sicht gehabt. Alles Flachland hier, es ist unglaublich. Keine „Stäffele“ (Treppen) weit und breit. Was der Verbreitung des Fahrrades hier sicher gut getan hat, zeigt sich
einem Exilschwaben wie mir in Form städtebaulicher Tristesse. Wie schön der Einbezug von Höhenunterschieden in die Architektur und die Stadtplanung sein kann, erschließt sich einem natürlich erst
nach einer Weile. Bis dahin kommt man hier und da außer Atem, weil man „immer bergauf“ laufen muss.
Hier erst habe ich gelernt, dass unsere Stuttgarter U-Bahn gar keine U-Bahn ist und dass das ein Unterschied ist, den man auch
mit 26 Jahren schwer lernt. Eine Stadt mit mehr als drei Bahnhöfen für ICE’s, die noch dazu einen neuen Hauptbahnhof einfach baut anstatt sich jahrzehntelang darüber zu streiten – unvorstellbar
für Südgemüse wie mich.
Freudig überrascht war ich selbstverständlich ob der Preise hier. Bei einer Vergrößerung der Wohnfläche ist unsere Miete weit
weniger als zwei Drittel der alten. Fast neun Euro pro Quadratmeter war ich gewohnt zu zahlen, und das nicht in einem Neubau. Nein, nicht einmal in einem sanierten Altbau...
Die Lebenshaltungskosten sind enorm gesunken, wohl aber auch, weil ich mich nicht darum bemühe, mich hier weiter mit Maultaschen
zu ernähren. Die regionalen Unterschiede beim Einkaufen fallen auf, bereichern meiner Meinung nach das Leben sehr. Wusstet ihr hier in Berlin, dass ein Supermarkt in Stuttgart im besten
Falle 40 Sorten Maultaschen führt. Dafür werdet ihr keine drei verschiedenen Sorten Essiggurken finden. So ist das, und dieser Wandel ist interessant. Kleinigkeiten, die mitunter zu
Verständigungsschwierigkeiten führen, sind immer noch die schönsten. Eierkuchen heißen bei uns Pfannkuchen, und Pfannkuchen? Klar, Berliner!
Unser Rahmenplan in der Schule heißt Lehrplan, eine Freistunde Hohlstunde, etwas heben bedeutet etwas halten und und und. Nicht
alleine der Dialekt macht den Unterschied, die „Hochsprache“ macht es einem mitunter nicht leichter.
Dennoch findet man sich hier zurecht als Schwabe. Ich wundere mich zwar immer noch darüber, wie uninteressiert die Menschen hier
aneinander sind, betrachte es aber als Freiheit. Keine Nachbarn hinter Fenstern, die nachsehen, ob die Autos falsch parken, und keine Polizisten, deren Hauptaufgabe darin besteht, Jugendlichen
Angst einzujagen, weil sie bei Rot über die Ampel gelaufen sind.
Berlin, ich bin angekommen, und ich denke, dass wir noch ein paar schöne Jahre zusammen verbringen werden, fern von „Letz Putz“
und Kässpätzle.
G’nug g’schwätzt!
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